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Eine neue Wirklichkeit.


"Ich finde es gerade sehr anstrengend. Jeden Tag eine neue Wirklichkeit. Das macht mir echt ein wenig Angst.", schrieb mir eine Freundin vor ein paar Tagen. Und ja, auch ich erlebe die Corona-Krise gerade als sehr anstrengend. Verunsichernd. Und unwirklich.


Mir war nie bewusst, wie besonders "Alltag" eigentlich ist. Ins Fitnessstudio gehen zu können. Im Café zu sitzen. Mich mit Menschen zu treffen und sie zur Begrüßung zu umarmen. Live und vor echten Menschen vor einer Yogaklasse sitzen zu können. All das ist jetzt gerade nicht möglich und ich spüre, dass das auch mit mir einiges macht. Es fällt mir schwer, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen und das kostet mich viel Energie. Und mich trifft es ja nicht einmal so hart, wie andere, die ernsthafte Existenzsorgen haben zurzeit oder nicht wissen, wie sie ihre Kinder am besten durch diese Zeit der globalen Verunsicherung begleiten können. Von denen, die als Risikopatient*innen oder deren Angehörige richtig Angst um ihre und deren Gesundheit und Leben haben, ganz abgesehen.

Jeden Tag eine neue Wirklichkeit. Keiner hätte sich vor wenigen Wochen ausmalen können, wo wir heute stehen und welche Entscheidungen getroffen werden mussten, um das Virus hoffentlich in den Griff zu bekommen. Keiner weiß, wie lange das anhalten wird. Planen geht nicht mehr - niemand kann sagen, wann Reisen wieder möglich sein wird oder im Kreise der Lieben zu einer größeren Feier zusammenzukommen. Diese Unsicherheit und der Wunsch, es zu verstehen und Vorhersagen zu treffen, können sich so auftürmen, dass wir den ganzen Tag - und oft genug auch große Teile der Nacht - gedanklich darum kreisen. Und zu keinem Ergebnis kommen. Wie auch. Mehr denn je kann es im Moment nur heißen: Im Hier und Jetzt leben. Verantwortungsbewusst mit dem umzugehen, was jetzt ist und einen Tag nach dem anderen zu leben. Leben im Jetzt, das ist es, was spirituelles Leben ausmacht und irgendwie werden wir momentan fast gezwungen, genau das zu tun. Weil es ein planbares Morgen gerade noch viel weniger gibt als sonst. Und weil das, was gestern galt, im Zweifel heute schon viel weniger Gültigkeit hat als in "normalen" Zeiten. Fast jeder wird zurückgeworfen auf sich selbst. Die Atmosphäre der Unsicherheit geht momentan an keinem, den ich kenne, spurlos vorbei. Die wenigsten finden Ruhe und Ablenkung in den gewohnten Zerstreuungen. Diese Zeit gerade ist radikal. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, in dem Sturm da draußen doch irgendwo noch Frieden in uns selbst zu finden. Um bei Kräften zu bleiben und im Vertrauen, dass diese Krise überwindbar ist.

Mir begegnet neben manchem, das ich nicht verstehe (wie Klopapier zu hamstern, zum Beispiel), gerade auch viel Gutes. Freundliche Menschen. Solidarität. Miteinander. Wenn ich Menschen vor den Supermärkten Schlange stehen sehe, sind die wenigsten genervt; die meisten sind pragmatisch geduldig und haben oft ein Lächeln füreinander übrig. Das tut mir gut. Weil ich mir auf der anderen Seite persönlich gerade sehr isoliert vorkomme. Dabei habe ich, weil ich nicht im Home-Office arbeite, sogar noch leibhaftigen Kontakt zu Menschen. Aber dieser Sicherheitsabstand, der natürlich wichtig und richtig ist, fühlt sich für mich ganz komisch an. Obwohl ich mir ja nicht ständig mit jedem in den Armen liege, scheinen mir die Menschen zurzeit besonders weit entfernt. Es ist, als treten die Menschen mit diesem vergrößerten Abstand auch aus der Hülle heraus, die mich umgibt und mir auch dann ein Gefühl von Nähe gibt, wenn wir uns physisch gar nicht berühren. Mir fehlen aber auch Umarmungen. Sonst so selbstverständliche kleine Berührungen im Alltag.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass alle näher zusammenrücken. Ich telefoniere und schreibe mehr mit anderen als sonst. Um das Gefühl des Alleinseins loszuwerden aber auch, weil es mich interessiert, wie es "denen da draußen" geht und weil ich das Gefühl habe, dass es gut ist, wenn wir uns alle gegenseitig durch diese Zeit begleiten. Und spüren, dass wir nicht allein sind mit den Gefühlen und Gedanken, die wir haben gerade. Und vielleicht bleibt ja etwas übrig von diesem Miteinander, nach dieser Zeit. Und vielleicht bleibt ja noch viel mehr übrig. Wertschätzung für das, was wir so alltäglich finden. Und, sofern wir ihn finden können, dieser Ort in uns, der uns auch im stürmischsten Außen noch Ruhe und Frieden schenken kann.


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